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Interview13.11.2019

Wie das Internet unsere Demokratie beflügeln kann

Wie das Internet unsere Demokratie beflügeln kann

Interview mit Moritz Ritter, Vorstand & Geschäftsführer von Liquid Democracy e. V.

Im Rahmen des Camp#1 der Stadtmacher Akademie interviewte das Münchner Team von SHQUARED Moritz Ritter, Vorstand & Geschäftsführer von Liquid Democracy e. V. Moritz Ritter nutzt die Digitalisierung und das Internet als neues Frontier für partizipative Politik und stellt sowohl Wissen als auch konkrete Tools zur Verfügung, die politisch Engagierte darin unterstützen sollen, unabhängig zu agieren.

 

SHQUARED: Durch das Internet sind wir vernetzter als je zuvor. Wie kann man das Internet nutzen um gerade Politik zugänglicher zu machen und zu nutzen?

Moritz Ritter: Das Internet hilft uns zum einen dabei Input zu geben und konkrete Vorschläge zu machen. Zum anderen ist aber auch das Vernetzen selbst ein großer Vorteil. Ein Großteil unser Kommunikation findet online statt, Reaktionen und Feedback passieren beinahe instantan. Das hilft uns dabei aktuelle Stimmen aufzugreifen und Bürgerinnen und Bürger entsprechend zu aktivieren.

SHQUARED: Ihr stellt auf eurer Plattform einen konkreten Prozessbaukasten zur Verfügung, um Initiativen sowie Akteurinnen und Akteuren seriöse Tools an die Hand zu geben, damit sie politisch aktiv werden und Brücken in die Verwaltung bauen können. Wie steht es um die bisherige Akzeptanz und was sind die akuten Herausforderungen in Bezug auf eine digitale Plattform?

Moritz Ritter: Hier gibt es verschiedene Herausforderungen: Zum einen wie das Internet wahrgenommen wird und zum anderen wie das Internet im Prozess bzw. der Prozess selbst wahrgenommen wird. Es ist ein stetiger Kampf gegen Skepsis. Seriosität, auch im Auftreten, und konkrete Erfolge helfen dabei hier Grund zu gewinnen.

SHQUARED: Gerade im Hinblick auf neue Technologien stehen wir was Seriosität betrifft vor ganz neuen Herausforderungen. Mit Fake News, Deepfake Videos und K.I. im Vormarsch – Wie werden diese Disruptionen den digitalen Dialog beeinflussen?

Moritz Ritter: Die neuen Technologien werfen neue Fragen auf: Wie können wir das Internet schützen? Was ist dafür notwendig? Auch die großen Medien werden sich mit diesen Themen auseinandersetzen müssen, um glaubwürdig zu bleiben. Wir wollen das Internet verändern und gegen die Skepsis arbeiten.

SHQUARED: Die Frage rund um Glaubwürdigkeit und Verantwortung wird in den nächsten Jahren immer wichtiger werden. Kann bzw. darf der Diskurs anonym stattfinden, wenn es um Politik geht?

Moritz Ritter: Das kommt auf den Kontext an, ich möchte das nicht vorgeben. Das muss jeder Absender und jede Absenderin bzw. Initiativenstarterin und -starter selbst bestimmen. Generell haben wir zu viel Angst vor Anonymität. Studien zeigen, dass anonyme Fragen nicht unbedingt mehr Hate Speech hervorrufen. Darum ist das sehr kontextabhängig. Wir haben da ein falsches Bild.

SHQUARED: Gibt es bisher Feedback aus der Politik oder Verwaltung? Wie sieht das aus?

Moritz Ritter: Viele verstehen noch nicht wofür die Plattform da ist. Wir machen Schulungen und das ist ein großer Teil unserer Arbeit. Wir müssen Verwaltungen an digitale Beteiligung heranführen. Die Verwaltung ist dafür da möglichst rechtssicher Prozesse zu gestalten. Das ist eine große Anforderung. Wenn wir eine hohe Beteiligung haben, dann ist das eine große Herausforderung.

SHQUARED: In Retrospektive: Was ist dein persönliches Highlight?

Moritz Ritter: Mein persönliches Highlight war eine Schülergruppe aus Georgien, die unsere Plattform für den Schülerhaushalt genutzt hat. Die Schülerinnen und Schüler waren so begeistert, dass sie sogar das Logo der Plattform auf ihre T-Shirts gedruckt haben. Unsere Tools machen einen Unterschied in ihrem Alltag. Es ist ein großartiges Gefühl, wenn die Arbeit, die man selbst macht als so cool wahrgenommen wird. Es kommt häufig vor, dass digitale Themen gerade in ärmeren Ländern viel größer sind als hier. Ich finde es sehr spannend diesen Ländern Hilfe zu leisten.

SHQUARED: Dein Schlusswort?

Moritz Ritter: Das Rollenverständnis der Politik muss sich ändern. Politik muss sich als Moderatorin und nicht als Entscheiderin verstehen. Die Frage ist nicht „Wie schaffe ich Akzeptanz?“, sondern “Wie bringe ich die richtigen Leute an einen Tisch und kann gemeinsam an den Fragen arbeiten die wirklich zählen?”. Viele Politikerinnen und Politiker würden das gerne machen, haben aber nicht die nötigen Kompetenzen. Sie werden nicht als Moderatorinnen und Moderatoren ausgebildet und entsprechend fehlen ihnen die wichtigen Tools, um das neue Rollenverständnis zu etablieren.

 

Das Interview führten

Daniela Weinhold und Julian Nitsche von SHQUARED

Das hat uns an dem Impulsvortrag besonders inspiriert

Besonders spannend an dem Vortag waren für uns die Reaktionen der anderen Zuhörerinnen und Zuhörer. Das Thema Internet hat uns mittlerweile alle erreicht. Wie wir es jedoch für soziale Zwecke nutzen, bleibt ein offenes Buch. Viele der Initiativen vor Ort waren sehr daran interessiert, digital aktiver zu werden oder ihr digitales Vorgehen zu verbessern. Konkrete Vorgehensweisen und ein offener Wissensaustausch waren hier sehr gefragt. An dieser Stelle sehen wir viel Potential für neue Formate.

Liquid Democracy hat hier mit einer „Toolplattform“ ganz andere Herausforderungen. Sie müssen sinnvolle Prozesse schaffen, Menschen aktivieren, die Behörden mit ins Boot holen, etc. Wie sie das erreichen, ist sehr spannend.

Ein politischer Wandel, bei dem die Regierungen digital live in den Diskurs treten und die Mediation übernehmen, fänden wir großartig! Wie könnten solche Strukturen aussehen? Wie könnte man Politikerinnen und Politiker auf diesem Weg unterstützen? Ist das der notwendige Kurs, um die neuen globalen Probleme zu lösen? Diese und ähnliche Fragen steigen bei uns hoch. Sehr inspirierend!

 

Redaktion:

Tilla Ziems vom vhw – Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung e. V.

 

 

 

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