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Artikel11.12.2020

Demokratie in Arbeit

von Wera Stein und Eugen Friesen

Wera Stein und Eugen Friesen arbeiten für die Kommunikationsagentur Wigwam. Eugen Friesen ist strategischer Berater, Konzepter und Texter. Er war drei Jahre im Vorstand. Wera Stein ist Webkonzepterin und Moderatorin. Sie war im ersten Jahr Vorsitzende des Aufsichtsrats.

Die Genossenschaft als rechtlicher Rahmen für eine Agentur

Eine Agentur als Genossenschaft, das ist in Deutschland immer noch selten. Das Team der Wigwam eG entschied sich 2016, aus einer GmbH eine Genossenschaft mit geteilter Verantwortung werden zu lassen. Dieser Prozess bot den Raum, mehr über das Verhältnis von Demokratie und Wirtschaft sowie Selbstbestimmung und gemeinsamer Arbeitskultur zu lernen.

2009 hatten sich die drei Gründer*innen von Wigwam zusammengetan, um die Welt mithilfe von Kommunikation und den richtigen Mitstreiterinnen besser zu machen. Heute ist Wigwam Design Studio, Kampagnen Agentur und Organisationsberatung. Die Projekte verknüpfen wir seit jeher mit unserer Haltung: eine gerechtere und ökologische Gesellschaft. In den Projekten geht es beispielsweise um freies Wissen, Kohleausstieg, Chancengleichheit, Menschenrechte, Artenvielfalt, Gesundheit, Bildung, Partizipation und vieles mehr. Die GmbH war am Beginn eine naheliegende Rechtsform – und wirkte doch auch in den Arbeitsalltag hinein. Erst die Genossenschaft ermöglichte uns den entscheidenden Schritt, auch nach innen zu leben, wofür wir im Außen einstehen.

Beweggründe zur Gründung einer Genossenschaft

Es gab in der GmbH-Zeit eine feste Geschäftsführung bestehend aus drei Personen, die auch Gesellschafter*innen waren. Gleichzeitig wurden viele wichtige Entscheidungen stets im Team verhandelt und gemeinsam getroffen. Es gab den Anspruch an flache Hierarchien und transparente Prozesse. Doch die gelebte Teamkultur hatte einen Haken: viele entschieden mit, aber nur die Gesellschafter trugen im Zweifel die finanzielle Haftung. Die unsichtbaren Rollen und die dahinterliegende Machtstruktur kam immer deutlicher zum Vorschein. Zwei der drei Personen aus der Geschäftsführung entschieden sich 2015 aus unterschiedlichen Gründen einen neuen Weg einzuschlagen. Das war der Anlass, eine passende Rechtsform für die gelebte Kultur zu finden.

Die Entscheidung für die Genossenschaft stand schnell fest. Es war März 2016 und bis August musste alles fertig sein: Satzung schreiben, Geschäftsplan verfassen, Prüfungsverband finden, eine Generalprobe der Wahlen abhalten, die Gründungsversammlung durchführen und schlussendlich die GmbH kaufen. Ein temporärer Arbeitskreis navigierte das Team durch den Prozess der Umwandlung.

Mit der Genossenschaft hatten wir endlich die handfeste Lösung für das Verantwortungsdilemma: die Mitarbeiter arbeiten zusammen und entscheiden zusammen, also ist es nur logisch, dass ihnen das Unternehmen auch zusammen gehört. Damit wurde jede und jeder auch plötzlich Arbeitnehmer, Arbeitgeberin und Genosse in einem. Zusätzlich haben wir Binnenverträge miteinander geschlossen, um das Haftungsrisiko gleichmäßig auf alle zu verteilen. Nur wenige haften direkt bei der Bank und dem Vermieter. Intern sichern alle Mitglieder für den finanziellen Notfall den gleichen festgelegten Betrag zu, mit dem sie haften.

Produktion, Kultur und Rechtsform gehören zusammen

Unsere Erfahrung zeigt, dass sich drei wesentliche Aspekte einer Organisation – Produktion bzw. Dienstleistung, Arbeitskultur und Rechtsform – nur zusammen denken lassen. Sie sind eng miteinander verknüpft und bedingen einander.

 

Wir haben für unseren Arbeitsalltag Formate und Strukturen geschaffen, die sich aus Selbstorganisation und projektbezogenem Arbeiten ergeben, und diese mit denen aus der Genossenschaft verwoben. So ergänzen sie sich nicht nur richtig gut, sondern entfalten erst in ihrer Gesamtheit eine positive Wirkung auf die Organisation und der Menschen darin.

Strategische Wegmarken

  • Demokratie-It-Yourself

Modelle wie Soziokratie oder Holokratie dienen als Inspiration, aber niemals als Ziel selbst. Stattdessen orientieren wir uns an dem, wie wir leben wollen und was wir für die Gesellschaft als gut erachten. Wir sind uns einig, dass der Mensch und seine Umwelt statt Profitmaximierung im Mittelpunkt unseres Handelns stehen. Das scheinbar Paradoxe ist ja: wir sind alle gleich und doch verschieden. Das innerhalb einer Gruppe aus fast 30 Menschen immer wieder neu zu balancieren, ist wohl die demokratische Erfahrung, die unserem Arbeitsalltag zugrunde liegt.

  • Entkopplung von Rollen und Personen

Die Generalversammlung, also alle Mitglieder der Genossenschaft, wählen Vorstand und Aufsichtsrat. Damit geht beim Wigwam auch eine Rotation in diesen Organen einher. Das erzeugt zum einen eine enorme Wertschätzung auf beiden Seiten. Menschen, die einmal in diesen Ämtern waren, wissen um den Aufwand und Wert dieser Arbeit. Und Menschen, die das Wigwam anders gestalten möchten, können bei der nächsten Wahl selbst für diese Ämter kandidieren. Eine Organisation aus verschiedenen Perspektiven wahrzunehmen, ist für alle Beteiligten sehr bereichernd. Außerdem beugen wir somit Situationen vor, in denen starre Rollen so sehr mit Personen verwachsen, dass als Folge strukturelle Konflikte persönlich ausgetragen werden. Das Ausscheiden aus einem Amt bedeutet deshalb keinen Abstieg, sondern eher ein Hinwenden zu anderen Herausforderungen und Rollen.

  • Onboarding als stete Revision

Zugleich ändert sich unsere Arbeitskultur mit jeder einzelnen Person, die dazu stößt. Das „Onboarding“ von neuen Mitarbeiterinnen bleibt damit das Schönste und Anstrengendste zugleich, weil jede neue Person neue Impulse bringt und Sichergeglaubtes und hart Erarbeitetes hinterfragt.

  • Methoden für ein gutes Miteinander

Wie lassen sich interne demokratische Organisations-Prozesse und die Herausforderung einer steten Revision der eigenen Arbeitsweise(n) belastbar aufsetzen? Dafür ist es ziemlich schlau, eine wertschätzende Kultur und eingeübte Formate des Miteinanders zu haben, in die neue Impulse geleitet werden und wo sie tatsächlich etwas anstoßen können. Damit das wiederum möglichst gut gelingt, braucht es das methodische Wissen, wie man diese Räume sinnvoll und zielführend ausfüllt. Das war schon immer Teil der gemeinsamen Arbeitskultur und durch die Umwandlung zur eG hat sich diese Methodenkompetenz auf noch mehr Teammitglieder verteilt. Gerade in einem selbstorganisierten Team ist es entscheidend, dass möglichst viele sich dieser Methoden bedienen können und alle so miteinander und voneinander lernen.

 

 

Genossenschaft: Tipps und Vorteile

  • Ein guter Zweck:

Der Zweck einer Genossenschaft ist die Förderung der Mitglieder. Es ist ratsam, dass interne Werte mit den äußeren Verpflichtungen übereinstimmen.

  • Nützliche Organe:

Eine Genossenschaft hat drei wichtige Organe. Der Vorstand übernimmt geschäftsführende Aufgaben. Der Aufsichtsrat kontrolliert und begleitet den Vorstand. Die Generalversammlung ist die Gesamtheit aller Mitglieder und wählt Vorstand und Aufsichtsrat. Wir haben die Organe der eG um für unsere Arbeit relevante Kreise erweitert: Personal, Teamentwicklung, Außenkommunikation, Akquise, Finanzen.

  • Kein Profit mit Anteilen:

Jedes Mitglied zahlt seinen Anteil und bekommt genau diesen wieder zurück, wenn es austritt. Es ist also grundsätzlich keine Spekulation durch eine Wertsteigerung von Anteilen möglich.

  • Alle sind gleichberechtigt:

Jedes Mitglied hat bei Abstimmungen jeweils eine Stimme, ganz egal wie viele Anteile er oder sie besitzt.

  • Besitz und Risiko auf vielen Schultern:

Der Ein- oder Austritt ist unbürokratisch, bedarf keines Notars oder Unternehmensbewertung. Diese Flexibilität schafft eine sehr niedrige Barriere Mitglied zu werden und sich mit einem Anteil am Unternehmen zu beteiligen. Damit wird das finanzielle Risiko von allen gemeinsam getragen. Alle Mitglieder besitzen das Unternehmen gemeinsam.

  • Aktive und investierende Mitgliedschaften:

In einer Genossenschaft gibt es Mitgliedschaften. In unserem Fall sind im Wigwam angestellte Personen aktive Mitglieder. Der Organisation nahe stehende Personen können eine investierende Mitgliedschaft ohne Stimmrecht eingehen.

  • Stabilität

Die regelmäßige Prüfung durch einen Prüfungsverband schützt die Geschäftspartnerinnen und Mitglieder vor finanziellem Schaden. „Die Genossenschaft ist auch aus diesem Grund seit vielen Jahren die mit Abstand insolvenzsicherste Rechtsform in Deutschland.“ Quelle: https://www.genossenschaften.de/was-ist-eine-genossenschaft

 

Abb. 1:Teamfoto Wigwam © Wigwam 2019

Abb. 2: Geschäftsfelder und Haltung der Kommunikationsagentur Wigwam:© Wigwam 2020

Abb. 3: Die passende Rechtsform als fehlendes Puzzlestück: © Wigwam 2020

Abb. 4: Formate innerhalb der Arbeitskultur © Wigwam 2020

 

 

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