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Log15.07.2020

Corona in der Ulme35 – Nachbarschaftshilfe, Lernhilfen und Instagram

Amei von Hülsen-Poensgen

Die Ulme35, ein altes, lange leerstehendes Privatsanatorium in einer Villengegend im Westen Berlins, wurde 2017 von Mitgliedern der Willkommensinitiative „Willkommen im Westend“ und weiteren Nachbar*innen erobert, um daraus einen Ort für Kunst, Kultur und Begegnung zu machen. Gemeinsam mit Geflüchteten aus den Heimen in der Nachbarschaft und weiteren Migrant*innen gestalten wir einen Ort, der anregt zum Lernen von und übereinander, zum Austausch und zur Eigeninitiative.

Bis Februar 2020 gab es einen (über)vollen Wochenplan mit Kunstgruppen, Chortreffen, Sprachcafé, Konzerten und Treffen der Holzwerkstatt und immer wieder neuen Ideen.

Und dann kam Corona.

Noch bevor wir das Haus schlossen, erzählte der Pastor von einem sorgenvollen Treffen der Freiwilligen des Besuchsdienstes der Kirchengemeinde. „Wir sind alle selbst älter und der Bedarf wird riesig – wie sollen wir das schaffen?“ Ein paar Stunden später kam der Anruf von einer uns ähnlichen Initiative, einen Stadtteil weiter: „Wenn ihr jetzt zumacht, was macht ihr mit der ganzen freien Zeit? Wollen wir eine Nachbarschaftshilfe organisieren?“ Die Ulme35 hat sich aus der Flüchtlingshilfe 2015 entwickelt, wir wissen, wie viel Hilfsbereitschaft in Krisen besteht. Es kostete keine Überzeugungskraft beim Vorstand des Vereins und auch unser Hauptgeldgeber, das Integrationsbüro des Bezirks Charlottenburg-Wilmersdorf gab sofort grünes Licht. So liefen die Telefone heiß und nach 6 Tagen hatten wir mit über 20 Initiativen, Kirchengemeinden und Vereinen eine Webseite aufgesetzt, eine zentrale Telefonhotline und ein Team organisiert, das Hilfesuchende und Helfende zusammenbrachte.

Eigentlich erst in diesen Tagen haben wir selbst verstanden, welch ein dichtes zivilgesellschaftliches Netz durch den Einsatz für Geflüchtete seit 2015 in unserem Bezirk entstanden ist. Im normalen Leben hätte man keine Berührungspunkte, weil man eigentlich in einem Moscheeverein aktiv ist, bei einem Logistikunternehmen oder in einem Jugendzentrum arbeitet. Aber seit 2015 kennt man sich durch zusammen organisierte Treffen und Feste, durch den gemeinsamen Versuch einzelnen Menschen zu helfen, weil man zusammen in einer Kleiderkammer gestanden oder sich politisch für Geflüchtete eingesetzt hat. Und mehr, man kennt sich nicht nur, man hat auch Vertrauen in die Kompetenz und vor allem in die Fähigkeit des anderen, sich selbst in den Hintergrund und das gemeinsame Ziel in den Vordergrund zu stellen.

Endgültig eine neue Erfahrung wurde es, als eine weitere Woche später der Bezirk Charlottenburg-Wilmersdorf mit an Bord kam. 2015 gab es punktuell eine gute Zusammenarbeit zwischen Politik, Verwaltung und Initiativen, es gab aber auch viel Misstrauen oder Berührungsängste – ein „Ihr“ und „Wir“ auf beiden Seiten.

Diesmal war es anders. Die Telefonnummer wurde umgezogen auf eine offizielle Rathausnummer, die Stadt schrieb an die Senior*innen einen Brief, der Senat stellte Software zur Verfügung. Die Telefonhotline wurde von Mitarbeitenden und Freiwilligen aus so unterschiedlichen Bereichen wie der Kontaktstelle für pflegende Angehörige, Nachbarschaftszentren und Jugendtreffs betrieben, Problemfälle in regelmäßigen Telefonkonferenzen besprochen, bei denen Mitarbeitende des Sozial- und des Gesundheitsamtes mit am (virtuellen) Tisch saßen.

Ulme@home und Lernhilfen für Schüler*innen

Ein Teil des Teams war mit der Nachbarschaftshilfe beschäftigt, aber alle waren schnell unruhig: Die Menschen in Flüchtlingsunterkünften traf der Lockdown besonders hart in ihren viel zu kleinen Zimmern mit Gemeinschaftsduschen und Küchen, was können wir tun, um sie zu erreichen?

Deshalb entstand ulme@home auf Facebook und auf Instagram. Zweitweise täglich gab es Filmtipps, man konnte mit Astrid backen, mit den Sonntagsfrauen kreativ werden oder Zena und Osama zu Ramadan zuhause besuchen. Für Kinder gab es gemütliche Vorlesestunden, tolle Filmtipps, Entdeckungsreisen und vieles mehr. Und auch das Sprachcafé öffnete wieder seine Türen – virtuell! Viel wurde ausprobiert, manches funktionierte toll, anderes scheiterte am fehlenden Internet oder fehlenden Endgeräten in den Heimen, dennoch hoffen wir, dass wir viele Ideen weiterführen können in die Zeiten nach Corona – und dass der politische Druck, die Heime mit besserer Technik auszustatten zu Verbesserungen führt.

Bereits vor Ostern wurde auch das Energiefeld rund um unsere Ferienschulen aktiv. Unterstützt vom Senat entstand die „Lernbrücke Coronita“, in der mit den Kindern „geheime Postpakete“ ausgetauscht wurden, Bilder und Geschichten und das Online-Magazin „Coronita“ entstanden und „nebenbei“ wurde den Kindern bei den Schularbeiten geholfen. Jetzt, nach der teilweisen Öffnung ist das bis zum Ende der Sommerferien zu dem Schwerpunkt unserer Arbeit vor Ort geworden.

Fazit: „Not macht erfinderisch“ und lässt einen neue Wege gehen, insbesondere in einem diversen und kreativen Team – und wieder sind in der Krise neue Wege und Allianzen entstanden, die unseren Teil Berlins langfristig lebenswerter machen.

 

Exkurs: Gelingensbedingungen der Nachbarschaftshilfe in einem breiten Bündnis

1. Breites & vielfältiges Netzwerk:

Die Vielfalt der involvierten Organisationen entscheidet über den Erfolg des gemeinsamen Vorhabens. Durch die Unterschiedlichkeit der beteiligten Akteure wird die Anzahl an Ressourcen, erreichbaren Zielgruppen, diversen Lösungsansätze und kürzeren Kontaktwegen zu anderen Stellen enorm gesteigert. Gleichzeitig sieht sich ein breit aufgestelltes Netzwerk nicht in Konkurrenz, sondern als Ergänzung zueinander.

2. Ein gemeinsames Ziel motiviert alle Beteiligten zusammenzuarbeiten und eigene Ressourcen auch tatsächlich einzubringen.

 

3. Transparente & regelmäßige Kommunikation

Eine transparente Kommunikation ist in einem Bündnis notwendig, damit sich niemand abgehängt fühlt. Im Gegensatz zu ausschließenden Mailverteilern geben Online-Tools wie Slack den Beteiligten selbst die Wahl, wie tief sie in welchen Bereichen einsteigen möchten. Nur Themenfelder, die interessieren bzw. wo etwas beigetragen werden kann, werden verfolgt. Diese Art der offenen Kommunikation vermittelt auch eine Einbindung auf Augenhöhe. Alle können allen Kommunikationskanälen folgen, müssen dies aber nicht tun.

Im Anfangsstadium der Kooperation muss die Kommunikation (Treffen bzw. Telefon- und Videokonferenzen) sehr häufig stattfinden, um die gegenseitigen Arbeitsfelder besser einschätzen zu können und ein „Wir“ Gefühl entstehen zu lassen.

 

4.Neue & gemeinsame Plattform

So früh wie möglich sollte sich auf ein gemeinsames Logo, Website, Mail oder Telefonnummer geeinigt werden, damit deutlich wird, dass es sich um ein Bündnis handelt. Dadurch steht keine einzelne Organisation mehr im Vordergrund und der Zusammenarbeit stehen weniger Geltungsgefühle im Weg.

 

5.Gemeinsam eingebrachte und genutzte Ressourcen

Die Erfahrung zeigt, dass es essentiell ist, dass notwendige Infrastruktur schnell bereitgestellt werden kann. Alle Beteiligten zeigten da ein hohes Maß an Flexibilität und Einsatzbereitschaft.

 

Dennoch gibt es Raum für Verbesserungen.

  • Es dauerte 4 Wochen, bis die Finanzierung der dringend benötigten Telefonsoftware geklärt war, bis dahin wurden alle Vermittlungsgespräche auf Kosten der Akteure und damit auch auf Kosten von Ehrenamtlichen geführt.
  • Der Einsatz der kostenlosen Versionen von Onlinetools wie Googleforms oder slack sind nur begrenzt DSGVO-konform. Wünschenswert wäre es, derartige notwendige Kommunikationstools oder andere Soft- oder Hardware kurzfristig in einer rechtlich abgesicherten Weise nutzen zu können.

 

Fazit:

In einer partnerschaftlichen Zusammenarbeit zwischen verschiedenen zivilgesellschaftlichen Akteuren und der Verwaltung steckt das Potential, nicht nur in Krisenzeiten, sondern auch im Alltag gesellschaftliche Probleme in einer neuen Form zu adressieren und zu ihrer Lösung beizutragen.

Damit dies gelingen kann, braucht es einerseits den Willen aller Beteiligten zur Zusammenarbeit, andererseits aber auch die Flexibilität, die dafür benötigten Ressourcen kurzfristig bereitzustellen.

 

Weiterführende Links:

 

Zum Weiterlesen: