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Interview31.10.2019

Beteiligung als Demokratiearbeit – ein Erfahrungsbericht aus dem Konflikt zwischen Alibi-Beteiligung und Ko-Produktion

Beteiligung als Demokratiearbeit – ein Erfahrungsbericht aus dem Konflikt zwischen Alibi-Beteiligung und Ko-Produktion

Interview mit Sören Schäfer

Was braucht es, um aus den Stadtteilen selbst heraus Beteiligung organisieren zu können? Wem begegne ich in der Landschaft der Beteiliger*innen und welche Rolle nehme ich selber ein? Im Interview mit den Aktiven des Unternehmernetzwerk Großbeerenstraße teilt Sören Schäfer ehemaliger Mitarbeiter im Hamburger Projekt Perspektiven! Miteinander planen für die Elbinseln seine Eindrücke zu diesem ambitionierte Projekt in Hamburg Wilhelmsburg.

 

Unternehmensnetzwerk Großbeerenstraße: Wer bist Du und warum bist Du heute hier bei der Stadtmacher Akademie?

Sören Schäfer: Ich bin Sören Schäfer und ich war von 2016 bis 2018 Mitarbeiter im Projekt Perspektiven! Miteinander planen für die Elbinseln von der Stiftung Bürgerhaus Wilhelmsburg in Hamburg. Im Rahmen des Projektes haben wir mehrere Beteiligungsverfahren auf den Elbinseln durchgeführt. Durch dieses Projekt habe ich mich in den letzten Jahren intensiv mit Demokratiearbeit und der Ko-Produktion von städtischen Räumen beschäftigt.

Die Erfahrungen, die ich dabei machen konnte, haben mich zur Stadtmacher Akademie geführt. Ich wurde von Sebastian Beck gebeten, hier heute mein Praxiswissen zur Organisation von Beteiligungsverfahren zu teilen. Dabei möchte ich meine Erfahrungen aber nicht nur weitergeben, sondern auch anderen Stadtmacherinnen und Stadtmachern zur Diskussion stellen.

Mein Ziel ist es, die Bildung von Netzwerken anzukurbeln und den Transfer und die Umsetzung von bewährten Ansätzen, Ideen und Methoden für Beteiligungsverfahren zu fördern. Dabei ist es mir ein besonderes Anliegen, dafür zu sensibilisieren, Menschen in Beteiligungsverfahren einzubinden, die bisher über konventionelle Verfahren nicht erreicht, bzw. nicht angesprochen werden konnten.

Ich denke, eine in der Bevölkerung gut verankerte und breit aufgestellte Beteiligungskultur, zum Beispiel in der Stadtentwicklung, ist ein wichtiger und unmittelbarer Türöffner für eine demokratische Gesellschaft. Denn das Engagement in einem Beteiligungsverfahren hat einen unmittelbaren Bezug zu den eigenen Lebensumständen. Zu der eigenen Nachbarschaft kann eigentlich jede und jeder sofort etwas sagen.

Die in Hamburg gemachten Erfahrungen und die erzielten Erfolge motivieren mich nach wie vor, mein Wissen mit anderen Stadtmachenden zu teilen, deshalb habe ich mich auch sehr über die Einladung zur Stadtmacher Akademie gefreut.

Unternehmensnetzwerk Großbeerenstraße: Was bewegt dich noch an dem Thema Beteiligungsverfahren?

Sören Schäfer: Wenn Beteiligungsverfahren – wie ich behaupte – ein wichtiger Türöffner für eine demokratische Gesellschaft sind, dann müssen wir die Voraussetzungen und die Mechanismen für gute und gelungene Beteiligungsverfahren analysieren. Und das am besten gemeinsam! Dabei spielen eine gewisse Grundhaltung, Zeit für die gemeinsame Reflexion der Prozesse, aber auch der Aufbau und die Umsetzung einer unterstützenden internen Organisation von Beteiligten eine wichtige Rolle. Die Ressource Ehrenamt sowie deren Organisation und Verstetigung sind dabei für die Umsetzung von erfolgreichen, demokratisch fundierten Beteiligungsverfahren, die bei den Beteiligten vor Ort eine unmittelbare Wirkung zeigen, eine wichtige Voraussetzung.

Die Zusammensetzung von aktiven, erfahrenen und erfolgreichen Stadtmacherinnen und Stadtmachern hier bei der Stadtmacher Akademie scheint mir unter diesem Gesichtspunkt ein guter und vielversprechender Ansatz zu sein, um neue Netzwerke zu bilden. Er hat aus meiner Sicht großes Potential!

Unternehmensnetzwerk Großbeerenstraße: Was sind Deiner Meinung nach wichtige Erfolgskriterien für eine gute Beteiligung?

Sören Schäfer: Sollen die über ein Beteiligungsverfahren erzielten Ergebnisse Bestand haben und nicht nur legal, sondern auch legitim sein, so bedürfen sie der Akzeptanz bei den betroffenen Menschen. Um diese Akzeptanz zu erzielen, braucht es ein Beteiligungsverfahren, das aktiv viele verschiedene Bevölkerungsgruppen miteinbezieht. Insbesondere auch jene Gruppen, die in Standardverfahren nur selten beteiligt sind – wie es die bisherige weitverbreitete Praxis immer wieder verdeutlicht. Dafür werden Ressourcen und Strukturen gebraucht, die Bürgerinnen und Bürgern dabei unterstützen, sich zu organisieren und zu beteiligen.

Damit beißt sich die Katze selbst in den Schwanz, weil häufig diejenigen, die die benötigten Ressourcen bereitstellen können, mit den exklusiven Beteiligungsverfahren unter Beteiligung der üblichen „Verdächtigen“ oft gut leben konnten.

Dabei ist es offensichtlich, dass Entscheidungen, die in der Politik ohne echten Dialog mit Bürgerinnen und Bürgern getroffen werden und die mitunter Bürgerproteste nach sich ziehen, kein Zukunftsmodell für eine stabile und demokratische Gesellschaft sein können. Denn dadurch werden Fronten generiert.

Wir brauchen in der Bevölkerung einen Habitus des „wir wollen“ anstatt des „wir sind dagegen“. Dafür brauchen wir aber konstruktive, in der breiten Bevölkerung verankerte und erfolgreich erprobte Beteiligungs- und Handlungsmodelle.

Unternehmensnetzwerk Großbeerenstraße: Im Grunde setzen die meisten Beteiligungsverfahren voraus, dass sich Bürgerinnen und Bürger organisieren, die ähnliche Meinungen vertreten. Da werden doch Minderheiten, bzw. Andersdenkende ausgeschlossen. Wie demokratisch ist also die demokratische Beteiligungsbewegung?

Sören Schäfer: Ich bin nicht der Meinung, dass in einem Beteiligungsverfahren das Ziel verfolgt werden muss, am Ende „mit einer gemeinsamen Stimme“ zu sprechen, also einen Konsens zu finden. Vielmehr sollte es darum gehen, die vielfältigen und mitunter eben auch unterschiedlichen Meinungen als Momentaufnahme einzufangen und darzustellen. Wenn das klappt, bestehen gute Chancen, dass auch die „leisen Stimmen“ nicht untergehen.

Das heißt natürlich nicht, dass die organisierten Bürgerinnen und Bürger nicht relevant sind. Im Gegenteil: Sie sind ja wichtige Agierende im Gemeinwesen. Aber in meinen Augen ist es Aufgabe eines guten Beteiligungsverfahrens, ihre Stimme als eine gleichwertige zu all den anderen Stimmen im Beteiligungsergebnis darzustellen. Die Organisationsfähigkeit darf also keinesfalls vorausgesetzt werden – vielmehr geht es darum, Chancengleichheit herzustellen. Und das heißt eben sensibel zu sein für die unterschiedlich stark ausgeprägten Organisationstalente. Wichtig ist, zu bedenken, dass ich bei diesen Überlegungen immer davon ausgehe, dass mit der Beteiligung die Entscheidungsgrundlage derer mitgestaltet wird, die später entscheiden. Das ist etwas anderes, als die Entscheidung selbst zu treffen.

Es gibt auch unterschiedliche Meinungen dazu, was Beteiligung überhaupt leisten soll. Das zeigt sich gerade dann, wenn ein Planungsvorhaben umstritten ist. Während die einen die Umsetzung mitgestalten wollen, um hier das beste rauszuholen, stellen andere das Projekt insgesamt in Frage. Sie wollen dann nicht das „wie“, sondern das „ob“ diskutieren. Hier besteht die Gefahr, dass die einzelnen Fraktionen, die eigentlich alle für Beteiligung eintreten, gegeneinander arbeiten. Schön wäre es darum, wenn Beteiligungsanlässe auch dazu genutzt werden könnten, in der Nachbarschaft Diskussionen zu einer Art Leitbild der Beteiligung zu führen. Aber da steht man eigentlich sofort wieder vor der Ressourcen-Frage.

Unternehmensnetzwerk Großbeerenstraße: Was braucht es Deiner Meinung nach für eine aktive Mitgestaltung in der Stadt?

Sören Schäfer: Eine der wichtigsten Voraussetzungen ist, dass es sowohl in der Zivilgesellschaft als auch in Politik und Verwaltung engagierte Menschen gibt, die die Möglichkeiten der Mitgestaltung aufzeigen. Am besten ist es dann noch, wenn sich Engagierte aus den verschiedenen Bereichen nicht nur kennen, sondern über ein transparentes und offenes Netzwerk zusammenarbeiten und kooperieren.

Wichtig ist auch, die „Angst vor dem Konkreten“ zu überwinden. Manchmal muss man einfach anfangen und Hand anlegen. Dabei ist es aber sehr wichtig, offen zu bleiben für Menschen, die dazu stoßen wollen und die ihrerseits neue Ansätze, Ideen und Ressourcen mitbringen. So bleibt die Bewegung dynamisch und innovativ. Daher gilt es stets den partizipativen Charakter zu wahren!

Je vielfältiger die Unterstützung ist und je unterschiedlicher die Bereiche sind aus denen die Engagierten kommen, desto mehr Wert und Qualität gewinnt der Mitgestaltungsprozess.

Darüber hinaus muss man für partizipative Prozesse, wie auch Beteiligungsverfahren, einen langen Atem mitbringen. Die Arbeit in Stadtentwicklungsprozessen ist sehr komplex und die Akteurinnen und Akteure, mit denen man hier zusammenarbeitet, sind aus ganz unterschiedlichen Gründen unterschiedlich schnell und flexibel. Hier hilft es, wenn man versucht, die andere Seite zu verstehen. Und dennoch versteht man manchmal nicht, warum manche Dinge so lange brauchen…

 

Das Interview führten

René Mühlroth, Dr. Thomas Nittka, Guido Monreal vom Netzwerk Großbeerenstraße e. V.

Das hat uns an dem Impulsvortrag besonders inspiriert

René Mühlroth: Ein wichtiges Ziel des Unternehmensnetzwerk Großbeerenstraße ist es, sich mit seinem nachbarschaftlichen Sozialraum zu vernetzen. Wie genau das in den einzelnen Wohnquartieren auf den Elbinseln in Hamburg unter Einbindung einer vielfältigen Landschaft von Kooperationspartnerinnen und -partnern mit konkreten Vorhaben gelungen ist, das hat mich inspiriert.

 

Redaktion:

Tilla Ziems vom vhw – Bundesverband für Wohnen und Stadtentwicklung e. V.

 

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